TRIP TO A FORGOTTEN UTOPIA
Bremer Abendausflug nach Missouri | 4. September 2010
Warum versetzt ein alter Pickup vier Deutsche in Lake Creek in Euphorie? Was flüstert ihnen dort das alte Fachwerkhaus? Wieso diskutieren sie mitten im Wald die Ästhetik eines Grabsteins? Es hat mit der eigenwilligen Dynamik von Utopien zu tun, und auch mit Bremen. Willkommen zur gemeinsamen Erkundung vor Ort:

Fotos: Folker Winkelmann |
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Akteure der Reisenden Sommer-Republik laden ein zu einem Abendausflug mit Filmen, Fotos und Erzählungen ihrer Expedition nach Missouri. Dorthin reisten sie 2009 auf den Spuren der „Gießener Auswanderungsgesellschaft“ von 1834. Was wurde aus ihrer Utopie einer deutschen Musterrepublik in Amerika?
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Die Künstler bringen ihre Fundstücke aus Missouri nach Bremen und teilen sie mit dem Publikum. Beim Spaziergang mit mehreren Stationen links, rechts und per Schiff auf der Weser erzählen sie selbst, ihre Videosequenzen und Bilder uns von erträumten, verlassenen und geschaffenen Heimaten. Unterwegs kosten wir Wein vom Ufer des Mississippis, entdecken freidenkerische Schriften und persönliche Dokumente, begegnen Nachfahren, Exzentrikern, Pfarrerssöhnen und Farmern. Wir lauschen den Klängen von Regen, Riverboat und Autoradio, sehen den Expeditionisten beim Forschen zu und sitzen mit einem hundertjährigen Historiker am Esstisch: Ein Roadmovie utopistischer Suchbewegungen damals und heute, hier und dort.
Start: 18:00 Uhr Kino Schauburg, Vor dem Steintor 114, 28203 Bremen
Abschluss: ab 21:00 Uhr Freiluft-Kino am Café Sand, Strandweg 106, 28201 Bremen, offen für alle, späte Gäste willkommen!
Reiselustig? Ausflugstaugliche Kleidung anziehen, Proviantpauschale 6,- Euro mitbringen, mitgehen und genießen!
Reservierung empfohlen: info@sommer-republik.de, Tel. (0421) 619 77 27
Special: Die beim Ausflug präsentierten Fotos von Folker Winkelmann sind anschließend weiterhin zu sehen im Alten Fundamt, Auf der Kuhlen 1, 28203 Bremen, bis zur öffentlichen Finissage mit Lesung am 19. September 2010 um 18:00 Uhr.
Team: Oliver Behnecke: Konzept, Regie, Ausflugsguide; Annika Hohorst: Organisation; Manfred Hielscher: Filmmontage; Dorris Keeven-Franke: Ausflugsguide; Monika Kiesewetter: Expeditionistin; Maja Maria Liebau: Texte; Stephan Moskophidis: Internet; Peter Roloff: Konzept, Film, Ausflugsguide; Rolf Schmidt: Ausflugsguide; Ulla Schmidt: Grafik; Piotr Sudol: Technik; Folker Winkelmann: Fotografie, Ausflugsguide.
Die Gießener Auswanderungsgesellschaft | wurde 1833 ebendort durch Rechtsanwalt Paul Follenius und seinen Schwager Friedrich Münch gegründet. Nach der napoleonischen Besatzung, den Befreiungskriegen und dem Wiener Kongress hatte eine große Enttäuschung eingesetzt. In den feudalen Kleinstaaten herrschten Unterdrückung und Ausbeutung, der demokratische Gedanke wurde mundtot gemacht. 500 Menschen folgten 1834 dem Aufruf zur gemeinsamen Auswanderung nach Amerika. Follenius’ 250-köpfige Reisegruppe kam wohlbehalten in New Orleans an, zerfiel aber, von Cholera heimgesucht, während der Weiterreise den Mississippi hinauf. Die von Münch geleitete zweite Hälfte musste fünf zersetzende Wochen lang auf der Weserinsel Harriersand in einem „elenden Kuhstalle“ auf das vom Bremer Makler Delius versprochene Schiff warten, bevor sie schließlich auf der „Medora“ Baltimore erreichte. Die Reste beider Gruppen trafen in Missouri aufeinander. In Deutschland wurde ihr Schicksal aufmerksam verfolgt; Gottfried Duden hatte 1829 einen verheißungsvollen Missouri-Bericht veröffentlicht. Während Follenius dort nach zehn erschöpfenden Jahren verstarb, etablierte sich Münch erfolgreich in der neuen Heimat.
Friedrich Münch | wurde 1799 geboren, studierte 1816-1819 Theologie in Gießen und übernahm nach dem Tod seines Vaters dessen Pfarrstelle in seinem hessischen Geburtsort Nieder-Gemünden. In Gießen lernte er mit Karl Follenius den geistigen Wegbereiter einer deutschen Musterrepublik in Amerika kennen. Dessen Bruder Paul Follenius heiratete 1825 Münchs Schwester Marie. Nach 1834 lebten die Familien der beiden Auswanderungsleiter auf benachbarten Farmen in der 1832 von dem deutschen Baron von Bock gegründeten Siedlung Dutzow in Warren County, Missouri. Dort betrieb Münch erfolgreich Landwirtschaft und mit seinem nachgereisten Bruder Georg den Weinbau. Zudem publizierte er, etwa im „Licht-Freund“ und oft unter dem Pseudonym „Far West“, freidenkerische Schriften: z. B. für eine massenhafte Einwanderung von Deutschen nach Missouri und insbesondere gegen die Sklaverei. Während des Bürgerkriegs 1861-1865 war er Senatsmitglied von Missouri und als Kämpfer für die Position der Nordstaaten persönlichen Bedrohungen ausgesetzt. 1881 verstarb er – wie die Legende sagt – mit der Schere in der Hand auf dem Weinberg seiner Farm.
Oliver Behnecke | Konzept, Regie, Ausflugsguide | ist Festivalproduzent, Regisseur, Kulturmanager; Absolvent der Angewandten Theaterwissenschaft an der JLU Gießen. Er leitete zahlreiche Stadtrauminszenierungen, Wissenschaftsfestivals und Theaterprojekte, ist Träger des Bremer Autoren- und Produzentenpreises 2009 und Mitbegründer der Reisenden Sommer-Republik. | www.wissen-schafft-stadt.de, www.wir-entern.com
Dorris Keeven-Franke | Missouri-Partnerin, Ausflugsguide | lebt in Washington, Missouri; ist Journalistin, Buchautorin, Genealogistin und Archivistin. Sie schreibt für Zeitschriften und Fernsehen, sowie als Kolumnistin einer Wochenzeitung über die historische Auswanderungsbewegung Deutschland / Missouri. Aktuell abschließende Arbeiten an einer Biografie Gottfried Dudens und einer neuen „History of Warren County“, Missouri.
Peter Roloff | Konzept, Film, Missouri-Expeditionist, Ausflugsguide | entwickelte mit Oliver Behnecke die Reisende Sommer-Republik; ist Kommunikationswirt sowie Filmproduzent, Autor und Regisseur, leitet in Berlin und Bremen maxim film. Nationale und internationale Koproduktionen für Dokumentarfilme und experimentelle Mischformen. | www.maxim-film.de
Rolf Schmidt | Missouri-Expeditionist, Ausflugsguide | ist Autor und seit 1969 Schultheatermacher. Im Rahmen der Reisenden Sommer-Republik realisierte er szenische Arbeiten für Jugendtheater, u. a. „Warten auf Medora“ (Inselkongress 2005). Autor von „Warten auf die Flut – ein historischer Harriersand-Roman“, mit P. Roloff Herausgeber des Sachbuchs „Harriersand – Insel im Strom“.
Folker Winkelmann | Fotografie, Missouri-Expeditionist, Ausflugsguide | ist Fotograf und Mitglied der Fotografengruppe Nordaufnahme. Aktuelle Ausstellungsbeteiligung „örtlich nördlich“ 2009/10 (Landesmuseum Emden, Landesmuseum Oldenburg, Nordwolle Delmenhorst). Projektfotograf der Reisenden Sommer-Republik seit der ersten Stunde. |
www.folker-winkelmann.de
Fotoausstellung „Trip to a Forgotten Utopia“ – geöffnet bis 2. September 2010
Arbeiten von Folker Winkelmann
Galerie Aplanat, Lippmannstr. 69-71, 22769 Hamburg
Vernissage 3. Juni 2010 – Zur Eröffnung war Dr. Simone Eick, Direktorin Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven, krankheitshalber leider verhindert, ihre Rede wurde von Peter Roloff verlesen. 6. Juni 2010 – Lecture „Warten auf die Flut“ von Rolf Schmidt mit Lilly Schofield. 2. September 2010 – Finissage mit dem Künstler

Lilly Schofield bei der Lesung |
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Die Ausstellungseröffnung |
Fotos: Folker Winkelmann, Marion Liebmann
Missouri-Expedition „Trip to a forgotten Utopia“
Peter Roloff, Rolf Schmidt, Folker Winkelmann, Monika Kiesewetter.
Der SCHIFFSKONGRESS 09 entsandte eine Rechercheexpedition nach Missouri, USA, um nach der neuen Heimat jener 250 Menschen zu forschen, die 1834 auf der Weserinsel Harriersand biwakieren mussten, bevor sie auf große Fahrt nach Amerika gehen konnten. Dort war ihr utopisches Ziel: die Gründung einer deutschen Musterrepublik in Missouri.

Pelster House |
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Friedrich Münchs Haushaltsbuch |

Ruether, Pitman und Keeven-Franke an
Follenius´ Grab |
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Historiker Ralph Gregory im Interview
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Vom 6.-11. Oktober 2009 war die vierköpfige Expedition in Kooperation mit der lokalen Historikerin Dorris Keeven-Franke unterwegs. Sie fand zahlreiche Spuren der Auswanderer von 1834 und erfuhr von ihrer Mühsal der Kolonisierung. Die Expedition fand im Wald alte Grabsteine und im Archiv das Haushaltsbuch eines Utopisten. Sie sprach mit einer sozial engagierten Nachfahrin von Friedrich Münch, dem Anführer der Auswanderungsgesellschaft von 1834. Die Expedition begegnete einem hundertjährigen Historiker, der den Amerikanern endlich die Aufgeklärtheit der Europäer wünschen würde und traf auf der Farm von Friedrich Münch einen lebensfrohen selbsternannten Eremiten in seiner Blockhütte.
Erster Expeditionsbericht von Dorris Keeven-Franke (in Englisch).
Zeitungsbericht aus Missouri (in Englisch).
TRIP TO A FORGOTTEN UTOPIA ist eine Veranstaltung der Reisenden Sommer-Republik und der HEIMAT-Reihe der Arbeitnehmerkammer Bremen in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung Bremen.
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